Es ist gerade 6:20 Uhr und ich kann nicht mehr schlafen obwohl ich komplett fertig bin. Wir halten gerade in Saransk, ein schöner Zwischenstopp auf unserem Weg nach Kasan. Ich steige aus und vertrete mir kurz die Beine. Es steigen viele Leute zu, und die meisten wissen hoffentlich auf was sie sich einlassen. Ein Mexikaner mit Riesen Sombrero fragt den Schaffner, „Is that the Train to Moscow?" der Schaffner antwortet auf halb englisch und Russisch „No that Train goes to Novosibirsk". Der Mexikaner zieht augenrollend von dannen. Mein Timer zeigt noch 8 Stunden und 30 Minuten an. Damit wir ein Gefühl bekommen wie lange wir schon unterwegs sind und wann wir endlich aussteigen können läuft diese Uhr jetzt unermüdlich herunter. Wir sitzen jetzt seit fast genau 40 Stunden im Zug Richtung Kasan, dem dritten Gruppenspielort unserer Deutschen N11. Ich bin mir gerade nicht sicher ob sich die Qual bis hierhin gelohnt hat oder ob wir demnächst wieder das Flugzeug benutzen werden. Eins bin ich mir aber jetzt schon sicher, an die letzten Stunden werde ich noch lange zurück denken und vielen Leuten von erzählen. Aber fangen wir von vorne an und drehen die Uhr mal knappe 40 Stunden zurück. Nachdem sensationellen Last-Minute Sieg unserer Jungs ließen wir noch die Korken knallen und kamen im Morgengrauen in unserem Appartment an. Dementsprechend waren wir so Semi-Fit beim Auschecken. Es nützte aber nichts, denn die Zugfahrt worauf wir uns eigentlich schon die ganze Zeit lang freuten, stand an. Der Koffer war gepackt und so zogen wir mit 2 Taxen los zum Bahnhof, hier kauften wir einen Minimarkt quasi leer. Unter anderem holten wir Chips, Nüsse, 5 Minuten Terrinen, Brot (was seit 3 Wochen abgelaufen war), Kekse, Wasser, Pappbecher und noch ganz viel mehr. Insgesamt waren 5 Tüten voll die jetzt mittlerweile schon wieder alle leer sind. Wir hatten noch 15 Minuten Zeit und so holte David schnell 4 Sandwiches bei SubWay aber „to go please". Wir ahnten bis dato nicht, dass es das letzte vernünftige Essen war was wir bis hierhin zu uns nehmen würden.
Eine Rolltreppe weiter nach unten, stand er da, unser Zug Ćœ3267 nach Novosibirsk. Kurz vor dem Einsteigen warf ich noch einen Blick auf die Anzeigetafel und staunte nicht schlecht als dort 33 Grad drauf stand, hoffentlich hat der Klima dachte ich mir. Wir passierten Wagon für Wagon, eine schier unendlich lange Strecke bis wir endlich an unserem gebuchten Abteil angekommen waren. Dieser Zug hat in etwa 35 Wagons und ist länger als 8 Fußballfelder, ein unglaubliches Monstrum. Am Abteil angekommen liefen die ersten Schweißperlen schon von mancher Stirn, die ersten fluchten und die anderen wollten am liebsten direkt wieder raus. Man muss sich das mal vorstellen, 4 große Koffer, 4 Tüten Proviant und 4 Männer die teilweise weit über 100 Kilo wiegen müssen sich für die kommenden 50 Stunden eine „Zelle" teilen die nicht größer als 4qm Meter groß ist. Die Koffer wurden platziert und dann war das Abteil aber auch schon voll, wir sahen keine Möglichkeit dies hier nur ansatzweise durchzustehen oder besser gesagt auszusitzen. Nun lautete die Devise „Ruhe bewahren und nicht die Nerven verlieren". Bastian hatte komplett den Papp auf und wollte am liebsten sofort wieder aussteigen, die anderen waren aber auch kurz davor, ich hingegen lachte in mich hinein. Nachdem die Koffer irgendwie platziert wurden, bekamen wir auch noch von sehr strengen russischen Schaffnern erklärt wie wir uns zu verhalten haben und was es zu beachten gibt. Erzählen konnte der uns viel, verstanden haben wir von all dem gar nichts. Der Zug rollte und wir zogen uns zurück ins Bordbistro welches sich zum Glück nur 2 Wagons weiter befand. Uns lief der Schweiß förmlichen aus allen Löchern nur so heraus und hatten mittlerweile diverse Flugbuchungs-Apps geöffnet. Steigen wir an der nächsten Haltestelle wieder aus und fahren zurück? Nehmen wir uns noch 1/2 Tage ein Hotel und bleiben am Meer? Fliegen wir dann von Sochi nach Kasan? Steigen wir nach 10 Stunden in Rostov am Don aus und fliegen von da aus weiter? Diese und noch viele weitere Ideen hatten wir. Das Ding hier und heute bzw die nächsten 2 Tage durchzustehen stand jedenfalls ganz unten auf dem Zettel. Auf einmal kam so etwas wie schlechte Stimmung auf, Bastian zog sich zurück ins Abteil und suchte den Chatverlauf aus unserer WhatsApp Gruppe heraus und zeigte mir wenig später was er damals davon gehalten hat in diesen Zug zu steigen - Nichts hielt er davon.:D Kevin war nur noch sprachlos und David guckte mich entsetzt an. Was tun war die Frage?
Für mich stand aber fest, egal was nun noch kommen mag wir ziehen das Ding jetzt durch. Und so war es dann auch. Das Bistro hatte Kaltgetränke an Bord und so stießen wir auf die kommenden 50 Stunden an. Die Klimaanlage wollte nicht so recht anspringen und das Fenster durften wir auch nicht öffnen also lautete die Devise weiter zu schwitzen. Meine Freunde aus dem Schwabenländle trafen derweil auch ein. Und die beiden Jungs Micha und Steffen räumten dann die letzten Restzweifel aus diese Tour zu einer unvergessenen zu machen. Die beiden sind nämlich schon quasi alte Hasen auf dem Gebiet. Im letzten Jahr fuhren sie nämlich schon beim ConfedCup genau die gleiche Strecke und überzeugten uns mit Spaß an die Sache ran zu gehen. Bastian schmorte weiterhin im Abteil und der Rest der Reisegruppe aklimatisierte sich im Bordbistro bei Gebäck und Bier. Die erste Minuten verflogen, es ging am Schwarzen Meer entlang und wir wären gedanklich gerne rein gesprungen aber es nützte ja nichts. Mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 60 km/h ging es dann nach ein paar Stunden von der Küste, rechts ab ins Landesinnere. Ich schaute auf meinen Timer, der nur noch 44 Stunden anzeigte und dachte mir „wir haben es bald geschafft":D. Viel wurde erzählt und gelacht, die Stimmung kippte und so waren wir schnell froh doch nicht wieder ausgestiegen zu sein. Um 21 Uhr machte das Bordbistro dann auch zu und wir zogen auf unsere Zimmer oder nein ich bleibe lieber beim dem Ausdruck „Zelle" zurück. Hier wurde weiter viel geschunkelt und gelacht. Als wir unsere Musikbox eine Stufe lauter drehten klopfte sekundenspäter der strenge Schaffner am Abteil und gab uns zu verstehen mal „halblang" zu machen. Irgendwann fielen uns dann aber auch die Augen zu und so rollten wir durch die Russische Nacht. Keine 5 Stunden später musste ich die Zelle verlassen, weil es vor Gestank und der dortigen Hitze nicht mehr auszuhalten war. Ich lief zum Bordbistro wo bereits für manchen das Frühstück serviert wurde. Der Zug ist im übrigen komplett ausgebucht und in etwa hatten 10 weitere deutsche Fans dieselbe verrückte Idee wie wir mit der Bahn anzureisen. Wir hätten mit mehr Deutschen gerechnet. Als ich den ersten Teller bestückt mit Reis und Hühnchen wohl gemerkt zum Frühstück sah, wollte ich nur noch weg. Selten sowas ekelhaftes gesehen bzw gegessen. Für mich war klar, dass ich aus diesem Zug nichts nahrhaftes zu mir nehmen werde. So blieb uns für die kommenden Stunden nur Flüssignahrung. Der gestrige Tag lief dann in etwa genau so ab wie der davor. Wir saßen zu 6 in unserem Abteil, schauten nach draußen und unterhielten uns über teils sehr interessante Themen. Zum Beispiel wollte ich von den Stuttgarter Jungs, die im übrigen eigentlich zu jedem VFB Spiel fahren, wissen...Wass denn ihr größter Moment mit dem VFB war. Micha war sich schnell sicher, damals als wir in Bochum 3:2 gewannen und praktisch Meister waren. Steffen musste überlegen und war sich nicht sicher ob es sogar einer dieser magischen Champions League Nächte aus den glorreichen Zeiten des VFB war. Als das Wort Champions League fiel zuckte Kevin kurz zusammen und fragte in die Runde „Wisst ihr eigentlich wer von uns 6en am nähesten dran war in der Champions League zu spielen?" Uns war die Antwort klar, den anderen beiden Jungs nicht...Kevin führte fort: „Ich, weil ich mal 8 Minuten in der Oberliga gespielt habe" Da fehlte wirklich nicht viel bis zur Königsklasse aber recht hatte er. :D
Wir halten auf der Strecke insgesamt 41 mal und immer wenn der Zug zum stehen kommt erwartet uns etwas anderes. Da diese Stops meist mehr als 20 Minuten andauern kann man sich gut die Beine vertreten. Mal hielten wir in der Pampa an Banhöfen an wo keine Menschenseele zu erblicken war, mal kamen dir Frauen mit allerlei an Gemüse, Obst und Gebäck entgegen die ihr eigenen Sachen verkaufen wollten. Aber immer war irgendwo ein kleiner Kisok wo man sich kleine Snacks und was kaltes zu trinken kaufen konnte. Wir hielten uns aber immer in der Nähe unseres Schaffner auf, mit dem wir stets Augenkontakt bei solchen Stopps hatten, denn der Zug fährt praktisch Wort und Signallos einfach weiter, auf die Minute und ohne Rücksicht auf Verluste.
Die zweite Nacht verging und so sitze ich hier gerade neben der Bordtoilette denn die spuckt einen besseren Duft als unser Abteil aus. Ich schaue aus dem Fenster und überlege was ich noch schreiben kann. Dabei zieht an mir die teils karge russische Steppe an mir vorbei. In den vergangenen 40 Stunden habe ich einen landschaftlichen Einblick Russlands bekommen und das war auch mit ein Grund wieso ich diese Tour gebucht habe. Oft fragte ich mich wie die Leute hier leben. Einsame Häuser standen mitten im nirgendwo und weit und breit war nichts zu sehen. Keine Stadt, kein Supermarkt, keine Tankstelle, kein Internet einfach nichts. Und oft habe ich mir gedacht, das wir uns glücklich schätzen können teilweise in Saus und Braus zu leben. Jetzt werde ich ja fast schon Melancholisch. Schauen wir nun nach vorne. Uns erwartet um 15 Uhr die Ankunft in Kassn und der Timer wird dann um Punkt 15:04 Uhr klingeln. Ein Moment indem wir wahrscheinlich alle 3 Kreuzzeichen machen werden. Dann geht es ins Hotel und dann gibt es eine wohlverdiente Dusche, die wir natürlich seit vorgestern nicht mehr gesehen haben. Anschließend gibt es was vernünftiges zu Essen und wir schauen uns die restlichen WM Spiele am heutigen Tag im TV an.
Dann steht wohl nur noch Erholung auf dem Programm ehe es morgen dann schon wieder heißt „Einigkeit und Recht und Freiheit..."
Entschuldigt bitte dass ich mich nicht regelmäßig hier melden konnte. Hier auf dem Land hatten wir teilweise stundenlang kein Internetempfang und somit waren mir die Hände gebunden. Fotos folgen hier später auch noch.
Wünsche euch allen einen schönen Tag.
Nastrovje
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